Der große Kampf, Ausgabe von 1858

Kapitel 4

Das erste Kommen Christi

Dann wurde ich in die Zeit zurückversetzt, als Jesus die menschliche Natur auf sich nahm, sich als Mensch erniedrigte und die Versuchungen Satans erduldete.

Seine Geburt fand ohne weltliche Pracht statt. Er wurde in einem Stall geboren und in einer Krippe gebettet, und doch wurde seiner Geburt mehr Ehre bezeugt als der irgendeines Menschenkindes. Engel vom Himmel benachrichtigten die Hirten von dem Kommen Jesu, während das Licht und die Herrlichkeit von Gott ihr Zeugnis begleitete. Die himmlischen Heerscharen rührten ihre Harfen und priesen Gott. Jubelnd verkündigten sie das Kommen des Sohnes Gottes auf eine gefallene Welt, um das Werk der Erlösung zu vollbringen und durch seinen Tod den Menschen Frieden, Glück und ewiges Leben zu bringen. Gott ehrte die Ankunft seines Sohnes. Engel beteten ihn an.

Engel Gottes schwebten über dem Platz, wo seine Taufe statt fand, und der heilige Geist kam herab in der Gestalt einer Taube und ließ sich auf ihm nieder; und als das Volk höchst verwundert dastand, mit den Augen auf ihn gerichtet, da hörte man die Stimme des Vaters vom Himmel sagen: „Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Wohlgefallen.“

Johannes war nicht sicher, ob es der Heiland sei, der kam, um sich von ihm im Jordan taufen zu lassen. Aber Gott hatte ihm ein Zeichen versprochen, an dem er das Lamm Gottes erkennen sollte. Dieses Zeichen wurde gegeben, als die himmlische Taube auf Jesus ruhte und die Herrlichkeit Gottes ihn umleuchtete. Johannes streckte seine Hand aus, wies auf Jesus und rief mit lauter Stimme: „Siehe, das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt!“

Johannes sagte seinen Jüngern, dass Jesus der verheißene Messias war, der Heiland der Welt. Als sein Werk zu Ende ging, lehrte er seine Jünger, auf Jesus zu sehen und ihm als dem großen Lehrer zu folgen. Das Leben von Johannes war ohne Vergnügen. Es war voller Leid und Selbstverleugnung. Er verkündigte das erste Kommen Christi, aber es war ihm nicht erlaubt, seine Wunder mitzuerleben und sich der Macht zu erfreuen, die in Christus offenbar wurde. Er wusste, dass, wenn Jesus als Lehrer auftreten würde, er selbst sterben müsse. Seine Stimme wurde, außer in der Wüste, selten vernommen. Sein Leben war einsam. Er hing nicht an der Familie seines Vaters, um sich ihrer Gesellschaft zu erfreuen, sondern verließ sie, um seine Aufgabe zu erfüllen. Große Menschenmengen verließen die geschäftigen Städte und Dörfer und sammelten sich in der Wüste, um die Worte dieses wunderbaren, ungewönlichen Propheten zu hören. Johannes legte die Axt an die Wurzel des Baumes. Er tadelte die Sünde ohne Furcht vor den Folgen und bereitete den Weg für das Lamm Gottes.

Herodes war tief bewegt, als er dem kraftvollen, treffenden Zeugnis von Johannes lauschte. Mit tiefem Interesse fragte er, was er tun müsste, um sein Jünger zu werden. Johannes war bekannt, dass Herodes die Frau seines Bruders heiraten wollte, obwohl ihr Mann noch lebte; und gewissenhaft sagte er Herodes, dass dies nicht gesetzlich sei. Doch Herodes war zu keinem Opfer bereit. Er heiratete die Frau seines Bruders und, durch ihren Einfluss, ließ er Johannes ergreifen und ins Gefängnis legen. Herodes beabsichtigte aber, ihn wieder freizulassen. Während Johannes gefangen war, hörte er durch seine Jünger von den mächtigen Werken Jesu. Er konnte seinen Worten voller Gnade nicht lauschen, aber seine Jünger berichteten ihm davon und trösteten ihn mit dem, was sie gehört hatten. Bald darauf wurde Johannes durch den Einfluss der Frau des Herodes enthauptet. Ich sah, dass der geringste Jünger, der Jesus nachfolgte, seine Wunder sah und die tröstenden Worte hörte, die von seinen Lippen fielen, größer war als Johannes der Täufer. Das heißt, er war erhabener und geehrter und hatte mehr Freude in seinem Leben.

Johannes kam im Geist und in der Kraft Elias, um das erste Kommen Jesu zu verkündigen. Ich wurde auf die letzten Tage hingewiesen und sah, dass Johannes die diejenigen darstellt, die im Geist und in der Kraft Elias vorwärtsgehen, um den Tag des Zornes und das zweite Kommen Jesu zu verkündigen.

Nach seiner Taufe im Jordan wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt, um vom Teufel versucht zu werden. Der heilige Geist hatte ihn vorbereitet für diese besonders starken Versuchungen. Vierzig Tage wurde er vom Teufel versucht und aß in diesen Tagen nichts. Alles um Jesus herum war unangenehm, so dass die menschliche Natur davor zurückschrecken würde. Er war mit den wilden Tieren und dem Teufel an einem öden, einsamen Ort. Ich sah, dass der Sohn Gottes durch Fasten und Leiden blass und abgezehrt war. Aber sein Weg war vorgezeichnet und er musste das Werk erfüllen, für das er gekommen war.

Satan zog seinen Vorteil aus den Leiden des Sohnes Gottes und hatte sich darauf vorbereitet, ihn mit vielen Versuchungen zu bedrängen; er hoffte, den Sieg über ihn zu gewinnen, weil er sich selbst als Mensch erniedrigt hatte. Satan kam mit dieser Versuchung: „Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich zu diesm Stein, dass er Brot werde.“ Er versuchte Jesus, sich zu ihm herabzulassen und ihm zu beweisen, dass er der Messias sei, indem er seine göttliche Macht anwandte. Jesus antwortete ihm sanftmütig: „Es steht geschrieben: »Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort Gottes«.“

Satan suchte ein Streitgespräch mit Jesus, ob er der Sohn Gottes sei. Er wies auf Jesu schwachen, leidenden Zustand hin und behauptete überheblich, dass er stärker sei als Jesus. Aber das vom Himmel gesprochene Wort „Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Wohlgefallen“ war genug, um Jesus durch alle seine Leiden hindurch zu helfen. Ich sah, dass er während seiner ganzen Mission nichts zu tun hatte, um Satan von seiner Macht und dass er der Erlöser der Welt sei, zu überzeugen. Satan hatte genügend Beweise von Christi erhabener Stellung und Autorität. Seine Unwilligkeit, sich der Autorität Jesu zu unterwerfen, hatte ihn vom Himmel ausgeschlossen.

Um seine Macht zu zeigen, führte Satan Jesus nach Jerusalem und stellte ihn auf eine Zinne des Tempels und versuchte ihn erneut, ihm den Beweis zu erbringen, ob er der Sohn Gottes sei, indem er sich herabstürze von der schwindelnden Höhe, wo er ihn gestellt hatte. Satan kam mit den inspirierten Worten: „Denn es steht geschrieben: »Er wird seinen Engeln deinetwegen Befehl geben, und sie werden dich auf den Händen tragen, damit du deinen Fuß nicht etwa an einen Stein stößt«.“ Jesus antwortete und sprach zu ihm: „Es ist gesagt: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen«.“ Satan wollte Jesus dazu bringen, sich auf die Gnade seines Vaters zu verlassen und sein Leben zu riskieren, bevor seine Aufgabe vollendet wäre. Er hoffte, dass der Erlösungsplan fehlschlagen würde; aber ich sah, dass der Plan zu tief gelegt war, um von Satan auf diese Weise durchkreuzt oder verhindert zu werden.

Ich sah, dass Christus das Vorbild für alle Christen ist, wenn sie versucht oder ihre Rechte bestritten werden. Sie sollten es geduldig ertragen. Sie sollten nicht fühlen, sie hätten das Recht Gott anzurufen, um seine Macht zu entfalten, damit sie einen Sieg über ihre Feinde erringen könnten, es sei denn, Gott kann dadurch direkt geehrt und verherrlicht werden. Ich sah, wenn Jesus sich von der Tempelzinne herabgestürzt hätte, so hätte er seinen Vater dadurch nicht verherrlicht; denn niemand wäre Zeuge der Tat gewesen als nur Satan und die Engel Gottes. Dadurch wurde der Herr versucht, seine Macht vor seinem bittersten Feind zu entfalten. Es wäre eine Herablassung zu dem gewesen, zu dessen Überwindung Jesus gekommen war.

Da führte der Teufel ihn auf einen hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt in einem Augenblick. Und der Teufel sprach zu ihm: „Dir will ich alle diese Macht und ihre Herrlichkeit geben; denn sie ist mir übergeben, und ich gebe sie, wem ich will. Wenn du nun vor mir anbetest, soll alles dir gehören!“ Und Jesus antwortete ihm und sprach: „Weiche von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: »Du sollst den Herr, deinen Gott, anbeten und ihm allein dienen«.“

Hier zeigte Satan Jesus die Königreiche dieser Welt. Sie wurden im anziehendsten Licht präsentiert. Er bot sie Jesus an, wenn dieser ihn dort anbeten würde. Er sagte Jesus, dass er seine Besitzansprüche auf die Erde aufgeben würde. Satan wusste, dass seine Macht begrenzt und ihm schließlich ganz genommen würde, wenn der Erlösungsplan zu Ende gebracht würde. Er wusste, wenn Jesus zur Erlösung der Menschen sterben würde, so würde seine Macht nach einer Zeitlang enden und er würde vernichtet werden. Deshalb war es sein wohlüberlegter Plan, wenn möglich, die Vollendung des großen Werkes zu verhindern, das der Sohn Gottes angefangen hatte. Falls der Plan zur Erlösung der Menschen fehlschlagen hätte, so würde Satan das Königreich behalten, das er dann beanspruchte. Und wenn er Erfolg haben sollte, so schmeichelte er sich selbst, dann würde er dem Gott des Himmels zum Trotz herrschen.

Satan frohlockte, als Jesus den Himmel verließ und seine Macht und Herrlichkeit dort zurückließ. Er dachte, dass der Sohn Gottes dann in seine Macht gegeben wäre. Die Versuchung wurde so leicht von dem heiligen Paar in Eden angenommen, dass er hoffte, durch seine satanische Schlauheit und seine Macht sogar den Sohn Gottes zu überwinden und dadurch sein Leben und Reich zu retten. Wenn er Jesus versuchen könnte, vom Willen seines Vaters abzuweichen, dann hätte er sein Ziel erreicht. Jesus gebot Satan, hinter ihn zu gehen. Er beugte sich nur vor seinem Vater. Die Zeit würde kommen, wo Jesus die Besitztümer Satans durch sein eigenes Leben zurückkaufen würde und, nach einer bestimmten Zeit, würde alles im Himmel und auf Erden sich ihm unterwerfen. Satan beanspruchte die Königreiche der Erde als sein Eigentum und er deutete Jesus an, dass ihm alle seine Leiden erspart bleiben könnten. Er müsste nicht sterben, um die Königreiche dieser Welt zu bekommen. Sondern er könne die gesamten Besitztümer der Erde haben und die Herrlichkeit, über sie zu herrschen, wenn er ihn anbeten würde. Doch Jesus war standhaft. Er erwählte sein Leben des Leidens und seinen schrecklichen Tod, und, in dem von seinem Vater vorgezeichneten Weg, ein rechtmäßiger Erbe der Königreiche der Erde zu werden und diese als einen ewigen Besitz in seine Hände zu empfangen. Satan wird auch in seine Hände gegeben werden, um durch den Tod vernichtet zu werden und niemals mehr Jesus oder die Heiligen in Herrlichkeit zu belästigen.

Siehe Lukas 2,1‑20; Lukas 3,21.22; Matthäus 3,13‑17; Markus 1,9‑11; Johannes 1,29‑34; Johannes 1,35‑37; 3,25‑36; Lukas 3,7‑9; Markus 6,17‑29; Lukas 7,16‑28; Matthäus 11,11; Lukas 7,28; Maleachi 4,5.6; Lukas 1,13.17; Matthäus 11,12‑14; 17,10‑13; Lukas 4,1.2; Matthäus 4,1.2; Markus 1,12.13; Johannes 4,34; Lukas 4,3‑13; Matthäus 4,3‑11; 5. Mose 6,16; 8,3; 2. Könige 17,35.36; Psalm 91,8‑12

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