Der große Kampf, Ausgabe von 1858

Kapitel 9

Die Kreuzigung Christi

Der Sohn Gottes wurde dem Volk zur Kreuzigung ausgeliefert. Sie führten den teuren Heiland weg. Er war schwach und kraftlos durch die Schmerzen und Leiden, die verursacht wurden durch das Geißeln und die Schläge, die er empfangen hatte; und doch legten sie ihm das schwere Kreuz auf, an das sie ihn bald nageln würden. Doch Jesus wurde ohnmächtig unter der Last. Dreimal legten sie ihm das schwere Kreuz auf, und dreimal wurde er ohnmächtig. Dann haben sie einer seiner Nachfolger ergriffen, ein Mann, der seinen Glauben an Christus nicht öffentlich bekannt hatte, aber dennoch an ihn glaubte. Das Kreuz wurde ihm aufgelegt, und er trug es bis zur verhängnisvollen Stelle. Heerscharen von Engeln waren in der Luft über der Stätte zusammengeführt. Eine Anzahl seiner Jünger folgten ihm in Trauer und mit bitterem Weinen zum Kalvarienberg. Sie riefen sich in Erinnerung Jesu triumphalen Einzug in Jerusalem und wie sie ihm gefolgt und „Hosianna in der Höhe!“ gerufen und ihre Kleider auf den Weg ausgebreitet und schöne Palmzweige gestreut hatten. Sie dachten, er würde dann das Königreich einnehmen und über Israel wie ein Fürst dieser Welt herrschen. Wie veränderte sich die Szene! Wie waren ihre Erwartungen dahingeschwunden! Sie folgten Jesus, nicht mit Freude, nicht mit hüpfenden Herzen und fröhlichen Hoffnungen, sondern mit Herzen, die von Furcht und Verzweiflung ergriffen waren, so folgten sie langsam und traurig dem, dem Unehre gemacht und der gedemütigt worden war und der jetzt sterben sollte.

Die Mutter Jesu war dort. Ihr Herz wurde durchbohrt von einem Schmerz, so wie sie nur eine zärtliche Mutter fühlen kann. Ihr betroffenes Herz hoffte immer noch mit den Jüngern, dass ihr Sohn irgendein mächtiges Wunder wirken und sich von seinen Mördern befreien würde. Sie konnte den Gedanken nicht ertragen, dass er sich kreuzigen lassen würde. Aber die Vorbereitungen wurden getroffen und sie legten Jesus auf das Kreuz. Der Hammer und die Nägel wurden gebracht. Den Jüngern stand das Herz still. Die Mutter Jesu erlitt eine Qual, die fast jenseits des Erträglichen war. Und als sie Jesus auf dem Kreuz ausstreckten und dabei waren, seine Hände mit den grausamen Nägeln an den hölzernen Armen zu befestigen, da trugen die Jünger die Mutter Jesu von der Szene fort, damit sie nicht den Lärm der Nägel hören musste, wenn sie durch die Knochen und Muskeln seiner geschwächten Hände und Füße getrieben würden. Jesus murrte nicht, doch er stöhnte qualvoll. Sein Angesicht war blass und große Schweißtropfen standen auf seiner Stirn. Satan frohlockte über die Leiden, durch die der Sohn Gottes hindurchging; und doch fürchtete er, dass sein Königreich verloren sei und er sterben müsste.

Sie richteten das Kreuz auf nachdem sie Jesus daran genagelt hatten, und stießen es mit großer Gewalt in den dafür vorbereiteten Ort im Boden. Dadurch zerriss das Fleisch und verursachte die heftigsten Schmerzen. Sie machten seinen Tod so schmachvoll wie möglich. Mit ihm kreuzigten sie zwei Räuber, einen zu jeder Seite Jesu. Die Räuber mussten mit Gewalt genommen werden, und nach viel Widerstand ihrerseits wurden ihre Arme zurückgestoßen und an ihre Kreuze genagelt. Doch Jesus fügte sich demütig. Er brauchte niemanden, der seine Arme zurück auf das Kreuz zwang. Während die Diebe die, die ihre Hinrichtung betrieben, verfluchten, betete Jesus in Todesqual für seine Feinde: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ Es war nicht nur körperliche Qual, die Jesus erduldete, sondern die Sünden der ganzen Welt lagen auf ihm.

Als Jesus an dem Kreuz hing, lästerten ihn einige, die vorübergingen und schüttelten ihre Köpfe, als ob sie sich vor einem König verbeugen würden und sagten zu ihm: „Der du den Tempel zerstörst und in drei Tagen aufbaust, rette dich selbst! Wenn du Gottes Sohn bist, so steig vom Kreuz herab!“ Der Teufel benutzte die gleichen Worte an Christus in der Wüste: „Wenn du Gottes Sohn bist...“ Die Hohenpriester, Ältesten und Schriftgelehrten sagten spottend: „Andere hat er gerettet, sich selbst kann er nicht retten. Ist er der König Israels, so steige er nun vom Kreuz herab, und wir wollen ihm glauben!“ Die Engel, die über der Szene von Christi Kreuzigung schwebten, wurden entrüstet, als die Herrscher ihn verspotteten und sagten: „Wenn er Gottes Sohn ist, soll er sich selbst befreien.“ Sie wünschten dann, zu kommen, um Jesus zu retten und ihn zu befreien; doch das wurde ihnen nicht gestattet. Das Ziel seiner Mission war beinahe vollbracht. Als Jesus jene schrecklichen Stunden der Seelenqual am Kreuz hing, vergaß er seine Mutter nicht. Sie konnte nicht von der leidvollen Szene fortbleiben. Jesu letzte Lehre war eine des Erbarmens und der Menschlichkeit. Er schaute auf seine Mutter, deren Herz nahezu brach vor Kummer, und dann auf seinen geliebten Jünger Johannes. Er sagte zu seiner Mutter: „Frau, siehe, dein Sohn!“ Dann sagte er zu Johannes: „Siehe, deine Mutter!“ Und von dieser Stunde an nahm Johannes sie in sein Haus.

Jesus dürstete in seiner Qual, doch sie häuften noch zusätzliche Beleidigung auf ihn, indem sie ihm Essig und Galle zu trinken gaben. Die Engel hatten die schreckliche Szene der Kreuzigung ihres geliebten Gebieters betrachtet, bis sie es nicht länger mit ansehen konnten und ihre Angesichter vor dem Anblick verhüllten. Die Sonne weigerte sich, auf diese furchtbare Szene zu blicken. Jesus rief mit lauter Stimme, welche die Herzen seiner Mörder mit Entsetzen füllte: „Es ist vollbracht!“ Da zerriss der Vorhang des Tempels von oben nach unten, die Erde bebte und die Felsen spalteten sich. Eine große Finsternis kam über die Oberfläche der Erde. Die letzte Hoffnung der Jünger schien hinweggefegt zu sein, als Jesus starb. Viele seiner Nachfolger wurden Zeugen von den Szenen seiner Leiden und seines Todes und ihr Kelch des Kummers war voll.

Satan frohlockte nun nicht mehr, wie er es zuvor getan hatte. Er hatte gehofft, er könnte den Erlösungsplan zunichte machen, aber dieser war zu tief gelegt. Und nun durch Jesu Tod wusste er, dass er selbst letztendlich sterben müsste und ihm sein Königreich genommen und Jesus gegeben würde. Er hielt Rat mit seinen Engeln. Er hatte nichts gegen den Sohn Gottes ausgerichtet, und nun müssten sie ihre Bemühungen verstärken und sich mit all ihrer List und Macht gegen Jesu Nachfolger wenden. Sie müssten so viele wie möglich daran hindern, die Erlösung zu empfangen, die Jesus für sie erkauft hatte. Indem er so handelte, könnte Satan immer noch gegen die Regierung Gottes arbeiten. Auch würde es in seinem eigenen Interesse liegen, alle, die er konnte, von Jesus fernzuhalten. Denn die Sünden derer, die durch das Blut Christi erlöst sind und überwinden, werden zuletzt auf den Urheber der Sünde, den Teufel, zurückfallen und er wird ihre Sünden tragen müssen; während diejenigen, welche die Erlösung durch Christus nicht annehmen, ihre Sünden selbst tragen müssen.

Jesu Leben war ohne weltliche Erhabenheit oder überspannte Zurschaustellung. Sein demütiges, selbstverleugnendes Leben war ein großer Gegensatz zu dem Leben der Priester und Ältesten, die Bequemlichkeit und weltliche Ehren liebten; und das genaue und heilige Leben Jesu war ein ständiger Vorwurf für sie aufgrund ihrer Sünden. Sie verachteten ihn wegen seiner Demut und Reinheit. Doch diejenigen, die ihn hier verachtet haben, werden ihn eines Tages in der Erhabenheit des Himmels und in der unübertroffenen Herrlichkeit seines Vaters sehen. Er war in der Gerichtshalle von Feinden umgeben, die nach seinem Blut dürsteten; doch diese Verhärteten, die ausriefen „Sein Blut komme über uns und über unsere Kinder!“, werden ihn als einen geehrten König erblicken. Das ganze himmlische Heer wird ihn auf seinem Weg geleiten mit Liedern des Sieges, der Majestät und der Macht für den, der geschlachtet wurde und doch wieder lebt, wie ein mächtiger Sieger. Arme, schwache, elende Menschen spuckten dem König der Ehre ins Angesicht, während sich ein brutales Triumphgeschrei des Pöbels bei der erniedrigenden Beleidigung erhob. Sie entstellten dieses Angesicht durch Schläge und Grausamkeit, was den ganzen Himmel mit Erstaunen erfüllte. Sie werden dieses Angesicht wieder erblicken, leuchtend wie die Mittagssonne, und sie werden vor ihm zu fliehen suchen. Anstelle dieses brutalen Triumphgeschreis werden sie dann seinetwegen in Entsetzen wehklagen. Jesus wird seine Hände mit den Zeichen seiner Kreuzigung zeigen. Die Zeichen dieser Grausamkeit wird er für immer tragen. Jede Narbe der Nägel wird die Geschichte von der wunderbaren Erlösung der Menschen erzählen und von dem teuren Preis, mit dem sie erworben wurde. Dieselben Männer, die den Speer in die Seite des Herrn des Lebens stießen, werden die Narbe des Speers erblicken und werden in tiefer Seelenqual beklagen, dass sie bei der Entstellung seines Körpers teilhatten. Seine Mörder waren sehr ärgerlich über die Inschrift „Der König der Juden“, die auf dem Kreuz über seinem Haupt angebracht war. Doch dann werden sie ihn in all seiner Herrlichkeit und königlichen Macht sehen müssen. Sie werden auf seinem Gewand und auf seiner Hüfte in lebendigen Schriftzeichen geschrieben sehen: „König der Könige und Herr der Herren“. Sie riefen ihm, als er am Kreuz hing, spöttisch zu: „Der Christus, der König von Israel, steige nun vom Kreuz herab, damit wir sehen und glauben!“ Sie werden ihn dann mit königlicher Macht und Autorität erblicken. Dann werden sie keinen Beweis mehr verlangen, ob er der König von Israel sei, sondern überwältigt von einem Gefühl für seine Majestät und seine außerordentliche Herrlichkeit werden sie gezwungen sein, anzuerkennen: „Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!“

Das Beben der Erde, das Spalten der Felsen, die Finsternis, die sich über die Erde breitete und der laute, starke Schrei Jesu „Es ist vollbracht!“, als er sein Leben aufgab, beunruhigte seine Feinde und ließ seine Mörder erzittern. Die Jünger wunderten sich über diese ungewöhnlichen Offenbarungen, doch ihre Hoffnungen waren allesamt zermalmt. Sie hatten Angst, die Juden würden auch sie zu vernichten suchen. Solch ein Hass, wie er gegen den Sohn Gottes offenbart war, so dachten sie, würde dort nicht enden. Einsame Stunden verbrachten die Jünger in Kummer, über ihre Enttäuschung weinend. Sie hatten erwartet, dass Jesus als ein zeitlicher Fürst regieren würde, doch ihre Hoffnungen starben mit ihm. Sie zweifelten in ihrer Traurigkeit und Enttäuschung, ob Jesus sie nicht betrogen hätte. Seine Mutter war gedemütigt und sogar ihr Glaube wankte, ob er der Messias sei.

Aber obwohl die Jünger in ihren Hoffnungen Jesus gegenüber enttäuscht worden waren, liebten sie ihn noch und achteten und ehrten seinen Leib, aber sie wussten nicht, wie sie diesen bekommen konnten. Josef von Arimathäa, ein geehrtes Mitglied des Hohen Rates, hatte Einfluss und war einer von Jesu wahren Jüngern. Er ging im Geheimen, doch mutig, zu Pilatus und bat um Jesu Leib. Er wagte es nicht, öffentlich zu gehen; denn der Hass der Juden war so groß, dass die Jünger fürchteten, sie würden sich bemühen, um zu verhindern, dass der Leib Jesu einen geehrten Ruheplatz bekommen würde. Doch Pilatus gewährte ihm seine Bitte, und als sie den Leib Jesu vom Kreuz herunternahmen, kam ihre Trauer erneut auf und sie klagten in tiefem Schmerz über ihre vernichteten Hoffnungen. Sie wickelten Jesus in eine feine Leinwand und Josef legte ihn in sein eigenes, neues Grab. Die Frauen, die ihm demütig nachgefolgt waren, während er lebte, blieben nach seinem Tod noch immer in seiner Nähe und wollten ihn nicht verlassen, bis sie sahen, dass sein heiliger Leib ins Grab gelegt und ein Stein großen Gewichtes vor die Tür gerollt wurde, damit seine Feinde nicht versuchen, seinen Leib zu bekommen. Aber sie hätten sich nicht zu fürchten brauchen, denn ich sah, dass das Heer der Engel mit unsagbarem Interesse den Ruheplatz Jesu beobachteten. Sie bewachten das Grab und warteten ernstlich auf den Befehl, ihren Teil bei der Befreiung des Königs der Herrlichkeit aus seinem Gefängnis zu tun.

Christi Mörder hatten Angst, dass er doch zum Leben auferstehen und ihnen entkommen könnte. Sie baten Pilatus um eine Wache, um das Grab bis zum dritten Tag zu bewachen. Pilatus gewährte ihnen bewaffnete Soldaten, um das Grab zu bewachen und den Stein an der Tür zu versiegeln, damit nicht etwa seine Jünger ihn stehlen und sagen, er sei von den Toten auferstanden.

Siehe Matthäus 21,1‑11; Lukas 19,29‑40; Matthäus 27,31‑66; Lukas 23,13‑56; Johannes 19,17‑42; Markus 15,20‑47; Hebräer 2,9‑15; Offenbarung 19,11‑16; Matthäus 23,39; Matthäus 4,3.6; Lukas 4,3.9

Geh zum Anfang zurück
Geh zum Kapitel 10 - Die Auferstehung Christi
Geh zurück zum Inhaltsverzeichnis