Der große Kampf, Ausgabe von 1858

Kapitel 3

Der Erlösungsplan

Traurigkeit erfüllte den Himmel bei der Erkenntnis, dass der Mensch verloren war und dass die Welt, die Gott geschaffen hatte, mit sterblichen Wesen erfüllt würde, die zu Elend, Krankheit und Tod verurteilt waren, und dass es keinen Ausweg für die Missetäter gäbe. Die ganze Familie Adams musste sterben. Dann sah ich den lieblichen Jesus und bemerkte einen Ausdruck des Mitgefühls und der Traurigkeit auf seinem Angesicht. Bald sah ich, wie er sich dem überaus hellen Licht näherte, welches den Vater umgab. Mein begleitender Engel sagte: „Er hat eine enge Unterredung mit seinem Vater.“ Während Jesus mit dem Vater redete, schien die Besorgnis der Engel auf das Höchste gespannt. Dreimal wurde Jesus vom herrlichen Licht, das den Vater umgab, umschlossen, und als er das dritte Mal vom Vater kam, konnte man seine Gestalt sehen. Sein Angesicht war ruhig, frei von aller Bestürzung und Sorge, und strahlte Wohlwollen und Lieblichkeit aus, wie Worte es nicht beschreiben können. Dann machte er dem Heer der Engel bekannt, dass ein Ausweg für den verlorenen Menschen gefunden sei. Er erzählte ihnen, dass er Fürsprache beim Vater eingelegt und sein Leben als Lösegeld angeboten habe, um so das Todesurteil auf sich zu nehmen, damit der Mensch durch ihn Vergebung erhalten könne. Durch die Verdienste seines Blutes und durch Gehorsam gegen Gottes Gesetz könnten die Menschen die Gunst Gottes haben, in den herrlichen Garten gebracht werden, und von der Frucht des Lebensbaumes essen.

Zunächst konnten sich die Engel nicht darüber freuen; denn ihr Gebieter verheimlichte ihnen nichts, sondern legte ihnen den Erlösungsplan offen dar. Jesus sagte ihnen, dass er zwischen dem Zorn seines Vaters und der schuldigen Menschheit stehen würde und Missetat und Spott ertragen, doch nur wenige würden ihn als Sohn Gottes annehmen. Fast alle würden ihn hassen und ablehnen. Er würde all seine Herrlichkeit im Himmel verlassen, auf Erden als Mensch erscheinen, sich selbst als Mensch erniedrigen; durch seine eigene Erfahrung würde er mit den verschiedenen Versuchungen bekannt werden, denen der Mensch ausgesetzt sei, so dass er denen helfen könne, die versucht würden. Schließlich, wenn er seine Aufgabe als Lehrer beendet hätte, würde er in die Hände der Menschen ausgeliefert und fast jede Grausamkeit und Qual erleiden, zu denen Satan und seine Engel böse Menschen anstiften könnten. Er würde den grausamsten Tod sterben, als schuldiger Sünder zwischen Himmel und Erde hängen. Er würde schreckliche Stunden der Todesqual erleiden, die selbst die Engel nicht mit ansehen könnten, sondern ihre Angesichter vor dem Anblick verhüllen würden. Nicht nur körperliche Qual würde er ertragen, sondern auch eine Seelenqual, mit der die körperlichen Leiden in keiner Weise verglichen werden könnten. Die Sündenlast der ganzen Welt würde auf ihm liegen. Er erzählte ihnen, er würde sterben, am dritten Tag auferstehen und zu seinem Vater auffahren, um für den widerspenstigen, schuldigen Menschen Fürsprache einzulegen.

Die Engel fielen vor ihm nieder. Sie boten ihre Leben an. Jesus sagte ihnen, dass er durch seinen Tod viele retten würde, und dass das Leben eines Engels die Schuld nicht tilgen könne. Sein Leben allein könnte von seinem Vater als Lösegeld für den Menschen angenommen werden.

Jesus sagte ihnen auch, dass sie einen Teil zu tun hätten: bei ihm sein und zu verschiedenen Zeiten ihn stärken würden. Er würde die gefallene Natur des Menschen annehmen und seine Kraft würde nicht mindestens gleich sein mit der ihrigen. Und sie sollten Zeugen seiner Demütigung und großer Leiden sein. Und wenn sie dann seine Qualen und den Hass der Menschen gegen ihn sehen würden, so würden ihre tiefsten Gefühle aufgewühlt werden, und sie würden durch ihre Liebe zu ihm wünschen, ihn zu retten und von seinen Mördern zu befreien; doch sie sollten nicht eingreifen, um etwas zu verhindern, was sie sehen würden; sie sollten aber an seiner Auferstehung einen Teil tun. Der Erlösungsplan war festgelegt, und sein Vater hatte diesen Plan angenommen.

Mit heiliger Traurigkeit tröstete und ermutigte Jesus die Engel und teilte ihnen mit, dass nach alldem die, die er erlösen würde, bei ihm sein und für ewig bei ihm wohnen würden. Durch seinen Tod würde er viele loskaufen und den, der die Macht des Todes hat, vernichten. Sein Vater würde ihm das Reich und die Größe des Königreiches unter dem ganzen Himmel geben, und er würde es für immer und ewig besitzen. Satan und die Sünder würden vernichtet werden, um niemals wieder den Himmel oder die gereinigte, neue Erde zu stören. Jesus bat die himmlische Heerschar, einig zu sein mit dem Plan, den sein Vater angenommen hatte, und sich zu freuen, dass der gefallene Mensch durch seinen Tod wieder erhöht werden könnte, um die Gunst Gottes zu bekommen und sich des Himmels zu erfreuen.

Da erfüllte Freude, unaussprechliche Freude den Himmel. Und die himmlischen Herrscharen sangen ein Lied zum Preis und zur Anbetung. Sie rührten ihre Harfen und besangen in einem höheren Ton als vorher die große Gnade und Herablassung Gottes, der seinen so sehr geliebten Sohn für ein Geschlecht von Rebellen in den Tod gab. Preis und Anbetung wurden dargebracht für die Selbstverleugnung und das Opfer Jesu; denn er war bereit, den Schoß des Vaters zu verlassen und ein Leben des Leidens und des Schmerzes und einen schmählichen Tod zu wählen, auf dass er anderen Leben geben könnte.

Der Engel sagte: „Glaubst du, dass der Vater seinen so sehr geliebten Sohn ohne Kampf dahingab?“ „Nein, nein. Es war selbst für den Gott des Himmels ein Kampf, ob er den schuldigen Menschen verloren gehen lassen oder seinen geliebten Sohn für ihn in den Tod geben sollte.“ Die Engel waren so interessiert an der Erlösung der Menschen, dass man unter ihnen solche gefunden hätte, die ihre Herrlichkeit niedergelegt und ihr Leben für den verlorenen Menschen hingegeben hätten. „Aber“, sagte mein begleitender Engel, „das wäre nutzlos gewesen. Die Übertretung war so groß, dass das Leben eines Engels die Schuld nicht bezahlen würde. Nichts als nur der Tod und die Fürsprache seines Sohnes können die Schuld bezahlen und den verlorenen Menschen von hoffnungslosem Leid und Elend erlösen.“

Aber das Werk, das den Engeln zugewiesen wurde, bestand darin, mit stärkendem Balsam aus der Herrlichkeit auf- und abzusteigen, um den Sohn Gottes in seinen Leiden zu trösten und ihm zu dienen. Ihre Aufgabe war auch, die Untertanen der Gnade vor den bösen Engeln zu beschützen und zu behüten, und vor der Finsternis, die Satan ständig um sie verbreitete. Ich sah, dass es für Gott unmöglich war, sein Gesetz zu ändern oder zu wechseln, um den verlorenen, umkommenden Menschen zu retten; deshalb erduldete er es, seinen geliebten Sohn für die Übertretung der Menschen sterben zu lassen.

Satan frohlockte wiederum mit seinen Engeln, dass er durch den Fall des Menschen den Sohn Gottes aus seiner erhabenen Stellung reißen konnte. Er sagte seinen Engeln, wenn Jesus die gefallene Natur des Menschen angenommen hätte, könnte er ihn überwinden und die Ausführung des Erlösungsplanes verhindern.

Satan wurde mir dann gezeigt, so wie er gewesen war, ein glücklicher, erhabener Engel. Dann wurde er mir gezeigt, wie er jetzt ist. Er hat noch immer eine königliche Gestalt. Seine Gesichtszüge sind noch immer edel, denn er ist ein Engel, obwohl er gefallen ist. Aber der Ausdruck seines Gesichts ist voller Besorgnis, Sorge, Unzufriedenheit, Bosheit, Hass, Unheil, Betrug, voll von allem Bösen. Diese Stirn, die einst so edel war, betrachtete ich besonders. Seine Stirn begann von den Augen an zurückzutreten. Ich sah, dass er sich solange erniedrigte, bis jede gute Eigenschaft verdorben und jeder böse Charakterzug entwickelt war. Seine Augen waren listig und verschlagen und zeigten einen großen, durchdringenden Blick. Seine Gestalt war groß, doch das Fleisch hing lose an Händen und Gesicht. Als ich ihn betrachtete, ruhte sein Kinn auf seiner linken Hand. Er schien tief in Gedanken versunken zu sein. Ein Lächeln lag auf seinem Gesicht, das mich erzittern ließ, so voller Bosheit und satanischer List war es. Das ist das Lächeln, das er aufsetzt, kurz bevor er sich seines Opfers sicher ist, und wenn er das Opfer in seinen Schlingen gefangen hat, wird dieses Lächeln entsetzlich.

Siehe Philipper 2,6‑8; Hebräer 2,18; 4,15; Matthäus 16,21; 17,22.23; 20,17‑19; Markus 9,31; Lukas 9,18‑22; 18,31‑33; 24,1‑8.36‑48; 1. Korinther 15,3.4; Jesaja 53; Hebräer 2,9; Johannes 14,1‑3; 17,24; Hebräer 2,14.15; Apostelgeschichte 2,32‑35; Römer 5,6‑8; 2. Korinther 11,14

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